Freitag, 21. Februar 2014

Gottesdienst und Missionare

Wann werden wir lernen, dass Menschen von unendlichem Wert sind, weil sie nach dem Bilde Gottes geschaffen wurden, und es Blasphemie ist, sie als weniger als das zu behandeln und dass es auf diejenigen, die es doch tun, letztendlich zurückfallen wird?“
-Desmond Mpilo Tutu-

Schon ein paar Wochen nach meiner Ankunft in Cape Town durfte ich die gegenüber wohnenden, wochenends als Priester tätigen Eltern eines Freundes zur Kirche begleiten. Dem ganzen lag eigentlich meine Neugierde zugrunde, ich wollte wissen warum dem Gang in die Kirche hier eine solch große Wichtigkeit beigemessen wird.

Ja, ich muss einräumen zwar getauft worden zu sein, und später traf ich bewusst die Entscheidung mich konfirmieren zu lassen, aber selten bin ich regelmäßig in der Kirche erschienen. Ich habe das so gehandhabt: Wenn ich mich danach fühlte in die Kirche zu gehen fand auch ein Kirchenbesuch meiner Wenigkeit statt. Wenn nicht, und das war oft der Fall, bin ich nicht in die Kirche gegangen.

Ich bin also in die Kirche gegangen, es ging hinaus aus Khayelitsha, durch eine wohlhabende Gegend von Kapstadt, und wieder in ein Township, diesmal Kraaifontein. Begeistert war ich vor allem davon, wie wenig Wichtigkeit der Erscheinung der Kirche beigemessen wurde. Sie bestand aus Wellblech und Holz, der Boden war mit Pappe und Plastik ausgelegt. Vorne ein kleiner Altar, daneben ein paar pflegeleichte Blumen aus Stoff und Plastik. Warum auch immer wussten die Kirchgänger, dass es los geht. In feiner und sauberer Kleidung erschienen sie. Die Kirche füllte sich langsam, es wurde der erste Gospel-Song angestimmt. Ganz anders als in den Gottesdiensten wo ich bisher war, wurde hier angenehmer Weise kein Wert auf Ruhe und Ernsthaftigkeit gelegt. Es wurde geklatscht, gestampft, mit der Bibel getrommelt und viel gelacht. Darauf folgend wurden Gebete angestimmt, jeder sprach sein eigenes Gebet, dass aus Danksagungen an Gott bestand. Dabei wurde laut geschrien, geweint, schnell vor sich hin gemurmelt. Ich selber sprach leise vor mich hin das „Vater unser“ ohne irgendwelche Emotionen zu zeigen. Der Kirchenbesuch war klasse. Ich war froh, nicht einfach einen leicht veränderten europäischen Gottesdienst besucht zu haben. Das hier war etwas wofür auch Desmond Tutu steht, der weiterentwickelte und nicht von irgendwoher übernommene Christliche glaube.


Dennoch kam ich nicht umhin, mir einige Fragen zu stellen, als Antwort dieser sich bei mir ein Unverständnis der europäischen Missionare von einst bildete.
Die Arbeit der Missionare war deshalb so erfolgreich, weil sie ihre europäische Lebensweise mitbrachten. Individuell denkend, gut organisiert und dadurch finanziell abgesichert machten sie einen starken Eindruck auf die kollektiv agierenden Einwohner von Südafrika. Sie nahmen eine Vorbildrolle ein. Die Ideen der Missionare fanden deshalb viel Anklang.
Dazu gibt es eine passende Redensart: „Als die weißen kamen, hatten sie die Bibel und wir das Land. Jetzt haben wir die Bibel und sie das Land.“
Natürlich hatten einige Missionare den wirklichen Willen den Zugang zu Bildung zu schaffen, es gab aber genug, die dieser Redensart entsprachen.
Denn die Missionare haben durch harte Arbeit bewirkt, dass ein großer Teil der um mich herum lebenden Menschen ein Doppelleben führen. Das eine Leben ist der Kirche gewidmet, das andere der Kultur, der Familie und dem sozialen Miteinander. Um ein guter Christ zu sein, muss so oft wie es geht in die Kirche gegangen werden. Dabei haben die Missionare eine ebenso merkwürdige wie unverständliche Denkweise entworfen: Je öfter ihr die Kirche besucht, desto gottgläubiger seid ihr.
Absichtlich weggelassen wurde das eigentlich naheliegende, eine christliche Lebensweise in den Alltag zu zu integrieren.
Dazu zählt die Moral, sie beinhaltet Entscheidungen wie: Schmeiße ich meine Chipstüte auf den Boden und lasse den Wind Khayelitshas seines Amtes walten, oder riskiere ich zehn Schritte mehr um das Stück Plastik an den dafür vorgesehenen Mülleimer unterzubringen?
Meistens wird dann der Wind bemüht den Müll außer Sichtweite zu räumen.
Nun Frage ich mich, wie Menschen, die drei Mal in der Woche in der Kirche sind, von Cape Town bis nach Johannesburg zu Gottesdiensten fahren, es lauthals befürworten können, dass ein Dieb im Township zum nahen Tod zusammengeschlagen wird? Ist das Christlich? Der Lehrweise der Missionare nach ja. Denn das zweite der beiden Doppelleben ist alles was die soziale Interaktion betrifft, und bei Kriminalität ist die soziale Interkation hier eben körperlich, hat ja auch nichts mit Moral oder Kirche zu tun. Am nächsten Sonntag finden sich diese Menschen in der Kirche wieder, preisen Gott mit der Meinung, das absolut richtige getan zu haben.
Es ist leider allgegenwärtig, dass die Ländereien den Weißen gehören, die schwarze Bevölkerung muss sich in den meisten Fällen mit unterbezahlten Jobs bei eben diesen weißen Grundbesitzern durchschlagen. Bei Diebstählen geht es den Townshipbewohnern dann ums nackte überleben. Da rückt die Bibel in den Hintergrund, ein Dieb darf natürlich getötet werden.
Ich frage mich: was haben die Missionare hier eigentlich verbreitet?
Fakt ist, dass bei vielen anderen Dingen ein unerschütterlicher Glaube herrscht, Dank der Missionare. Die hohe Arbeitslosigkeit (über 50%) kann durchaus den Missionaren angehängt werden: Mir erzählen arbeitslose Freunde, dass sie jetzt noch mehr zur Kirche gehen oder in Gospelchören mitsingen, um Gottes Gunst auf der Suche nach einem Arbeitsplatz zu erlangen. Es wird sich feingemacht, oft in die Kirche gegangen, aber der Gott-Glaube nimmt so viel Platz ein, dass sich nebenher leider keine Jobsuche mehr unterbringen lässt, außerdem gehört ein feiner Haarschnitt und saubere Kleider ja in die Kirche. Da scheint es offensichtlich, dass die Missionare ihre Überzeugungsarbeit mit diesem Gedanken geleistet haben: „Leute, geht zur Kirche so oft es geht erscheint vor Gott bloß fein gekleidet! Wir sichern uns dafür die Ländereien und die guten Arbeitsplätze.“.
Ein Bisschen davon liegt immer noch in der Luft. In Khayelitsha werde ich oft als höher gestellte Person angesprochen, denn jeder weiße zählt in den Augen der Einwohner von Khayelitsha als Chef. Und nie habe ich die Leute hier besser gekleidet gesehen als an Sonntagen. Einer jungen Dame antwortete ich neulich auf ihre Nachfrage hin wieso ich nicht jeden Sonntag in die Kirche gehe, dass ich nur gehe wenn ich mich danach fühle.
„Dürstet es dir denn nicht danach, Gott zu preisen für das was er für dich tut?“
fragte sie mich.
„Nein, was tut er denn für mich?“
„Alles!“
„Ich steuere doch mein Leben und nicht Gott.“
Besorgt und ernst bekam ich zu hören:
„Willst du in die Hölle kommen?“
Ausgerechnet hier, ausgerechnet in Khayelitsha preisen die Menschen Gott für seine Hilfe, dabei leben 70% der Einwohner in Shacks und haben kaum Geld zum leben. Ausgerechnet hier werden täglich Menschen erschossen und zu Tode geprügelt.
Dabei ist es überdeutlich was hier gebraucht wird und das war es sicher auch nach den Kolonialisierungs-Kriegen als die Missionare ankamen. Ein gut strukturierter Bildungsapparat, nicht der bedingungslose Gottesglaube, der das Alltagsleben unmoralisch und oft auf eine schlechte Weise verlaufen lässt. Das ist mit eisernem Willen von den Missionaren gelehrt worden. Leider.

Mittwoch, 15. Januar 2014

Nelson Rolihlahla Mandela


„Ich habe gegen die weiße Vorherrschaft gekämpft, und ich habe gegen die schwarze Vorherrschaft gekämpft. Mein treuestes Ideal ist eine freie und demokratische Gesellschaft, in der alle in Harmonie mit gleichen Chancen leben können. Ich hoffe lange genug zu leben, um dies zu erreichen. Doch wenn dies notwendig ist, ist dies ein Ideal, für das ich zu streben bereit bin.“
- Mandela 1964 bei seiner Verteidigungsrede im Rivonia-Prozess -





Als ich nach etwas wenig Schlaf meine Augen öffnete und auch meine Ohren wieder täuschungslos funktionierten merkte ich, dass der Fernseher lief. Noch im Bett liegend griff ich nach meinem Telephon und sah eine Email von meinem Vater, versehen mit der Nachricht von Mandelas Tod. Der Fernseher bestätigte mir die Nachricht.

Absehbar, aber trotzdem überrumpelnd war das Dahinscheiden von Mandela. Ich hatte mir etwas großes vorgestellt, was an diesem Tag passiert.

Eine riesige Trauer, vielleicht ein ruhendes Capetown, eigentlich hatte ich mir gedacht, dass im ganzen Land nichts so richtig läuft.

Ich weiß auch nicht genau wie das ausgesehen hätte, aber ich dachte das Land würde für einen bestimmten Zeitraum den Atem anhalten. Nichts dergleichen.

Ich setzte mich einmal kurz aufs Sofa, dachte an den Mann über den ich eigentlich kaum etwas wusste, denn außer dass er Südafrika aus der Apartheid geleitet hatte, - er war zumindest das Gesicht dieser Befreiung - und dass er sehr lange (mehr als ein Viertel seines Lebens) im Gefängnis gesessen hatte, wusste ich wenig. Außerdem: nach einer Ewigkeit grundlos eingesperrt aus dem Gefängnis heraus zu spazieren und keine Rachegedanken zu hegen, Respekt.

Dann schob ich mir meine Zahnbürste in den Mund, putzte die Zähne, packte meine Schulsachen, aß noch schnell etwas und ging die Straße hinauf zum Lookout-hill. Die kurze Wartezeit am Straßenrand ließ mich feststellen: Menschen waren am Sport machen, riefen einander zu, gingen in kleinen Gruppen an mir vorbei, Autofahrer waren überall, so viele und so bescheuert wie eh und je. Kein stilles Capetown geschweige denn eine stille Nation. Jeder ging seiner Wege.

Die Zeitungen druckten zwar von der ersten bis zur letzten Seite nur Artikel von Mandela, und im Fernsehen wurde immer wieder auf jedem Sender Mandelas Leben zusammen gefasst, aber das war auch das Mindeste. Als ich am Nachmittag in der Innenstadt war, fand eine Trauerfeier auf dem Platz vor dem Rathaus statt.

Das Land brauchte eine Zeit lang um zu begreifen, was passiert war. Denn als ich eine Woche später losfuhr auf meinen Roadtrip durch das Land, sah man überall Schilder am Straßenrand hängen: „hamba kakuhle Madiba“ (geh in Frieden, Mandela) jeder Ort, war er auch noch so klein, hatte einen eigenen Abschiedsgruß an Mandela. Um alle dieser Wünsche an den verstorbenen Freiheitskämpfer zu lesen, war der Roadtrip genau richtig. Den Einwohnern Südafrikas war Mandela wohl doch wichtiger als es erst aussah. Ich versuchte noch eine Karte zu bekommen für die große Gedenkfeier im Greenpoint Stadium von Capetown, aber die waren schon am ersten Tag komplett ausverkauft, in jeder größeren Stadt. Schade, dort wäre ich gerne gewesen.


Auf unserem Weg ins Easterncape, wo auch Mandela geboren wurde fand in Johannesburg die größte Versammlung von Staatsoberhäuptern statt, die es je gegeben hatte. Mandela bedeutete der ganzen Welt viel, schon zu Lebenszeiten wurden ihm Denkmäler gebaut und Straßen, öffentliche Gebäude und Plätze nach ihm benannt. Mandela wurde zehn Tage später gar nicht weit von uns im Easterncape in seinem Heimatdorf Qunu begraben.

Montag, 11. November 2013

Ein paar kurze Eindrücke aus der Zenzeleni Schule

 Eine Pyramide aus Kindern, fast alle Klassenstufen haben mitgemacht!

Die neue Schaukel an der Schule, von uns Freiwilligen gebaut und seitdem viel genutzt.

Soziales Miteinander in Khayelitsha

Die Menschen in meiner Nachbarschaft, Kulani-Park in Khayelitsha, zeigen tagtäglich eine bewundernswerte Hilfsbereitschaft. Wenn es jemandem nicht gut geht, dann ist der erste der das sieht auch zur Stelle und hilft womit er kann.
Wenn die arbeitslosen in der Nachbarschaft Geld brauchen, dann werden sie für ein paar Tage bei denjenigen angestellt, die eine feste Arbeit haben. Dann wird der Zaun für ein paar Rand von Farbe befreit oder ähnliches. Auch bei meiner Gastfamilie arbeitet unter der Woche ein etwas heruntergekommener Kerl, der aber davon absieht sich kriminell irgendetwas zu beschaffen. Lieber arbeitet er und macht eine Einfahrt zu dem Haus von meiner Gastfamilie. Dafür gibt es dann ein paar Rand, gerade so viel, dass er davon leben kann.
Allerdings gibt es hier Regeln, nicht geschrieben, aber jeder hält sich daran. Es gibt klare Regelungen was welche Altersgruppe machen darf, wer mit wem zu tun haben darf. Nachdem ich mit ein paar gleichaltrigen Jugendlichen etwa vor einem Monat immer mehr gemacht hatte, nahm mich Nathi, ein guter Freund mittlerweile, zur Seite. 

Er sagt mir, dass ich mich entscheiden müsse ob ich mit zu den Goodfellaz gehören möchte oder nicht. Denn wenn dem so wäre, dann könnte ich nicht so viel mit ihm, Bonani und ein paar anderen gleichaltrigen machen. Mittlerweile habe ich ein ganz gutes Maß gefunden, den Goodfellaz nicht den Rücken gekehrt, ich mache aber mehr mit Nathi und Bonani, die zwei Häuser weiter und gegenüber wohnen. Noch weiter unterteilt sind die Jugendlichen meines Alters in welche, die Drogen nehmen (vor allem Chrystal Meth rauchen) und die die es nicht tun. Es gibt keinen Streit unter den beiden Gruppen, aber wenn einer von den Junkies abends mit meinen Jungs rumhängt, dann wird er auch schon mal vom Grundstück geschmissen. Sehr besorgt und nett sagen mir Nathi und Bonani, vor allem aber auch meine Gastfamilie wo ich mit wem hingehen kann und wo nicht.
Sam habe ich mit zum Stadion genommen, zum Spiel Kaizer Chiefs gegen Ajax Capetown. Das war kein Problem aus Sicht von Nathi und Bonani sowie der restlichen Jungs, die mir diese Regel gestellt haben. Ich kann abends am Wochenende mit den Jungs in der Nachbarschaft etwas unternehmen, wir sind eine große Gruppe und ich fühle mich super sicher.
Das Fußballspiel war ein Muss, bei den Kaizer Chiefs spielt nämlich mein absoluter Lieblingsspieler: Tshabalala! Er war der erste Torschütze der WM in Südafrika. Das Photo aus der Sueddeutschen erinnere ich als wäre es gestern gewesen. Tshabalala hat gerade den Ball berührt, er befindet sich in der Luft, jeder Muskel seines Körpers ist gespannt. Das Spiel war nicht so klasse, die Chiefs haben verloren.
Neben all dem schönen gehen hier im Township schreckliche Dinge vor sich. Ein wenig weiter die Straße runter wurde ein Einfahrtstor zu einem kleinen Haus geklaut. Das passiert, weil arme Menschen aus den noch heruntergekommeneren Teilen Geld brauchen. Dann bedienen sich einige da wo es gerade geht...
 Die Straße in der ich wohne
Diesen Vorgang hat eine Frau aus meiner Straße beobachtet, so bekamen die Besitzer des gestohlenen Tores den Namen und die Adresse des Diebes. Der wurde dann gepackt und zur Polizei gebracht. Die hat ihn nach fünf Minuten wieder laufen lassen. Dieser Dieb lief dann provokant durch die Straße als wollte er sagen "ihr könnt mir gar nichts!". Die sehr wütenden Bewohner schnappten sich den Dieb und zwängten ihn in ein Auto, begannen ihn zu würgen. Dieser zappelte im Auto herum und war nachher kaum noch im Stande zu reden. Dann wurde der Kerl aus dem Auto gezogen und an die Garage mit dem geklauten Gate gestellt. Ein Mann packte seinen Kopf und schlug ihn gegen die Garagenwand und mit den Fäusten ins Gesicht, währenddessen sammelten sich immer mehr Menschen um den Dieb, ich verzog mich mit ein paar freunden in eine Einfahrt. Die Menschenmenge begann mit Ziegelsteinen auf den Kopf des Kerls einzuschlagen, eine Bewohnerin holte ein großes Messer und stach auf die Arme und den Rücken des Diebes ein. Halb ohnmächtig konnte dieser sich vor nichts schützen. Er wurde zu Boden geworfen, jeder durfte auf ihm herumtrampeln und ihn treten. Mit einer Peitsche wurde ihm ins Gesicht geschlagen, tiefe Rillen zogen sich durch sein Gesicht. Irgendwann verriet er den Namen des Mittäters und während ihn die einen zu der Adresse schliffen holten andere kochendes Wasser und gossen es über dem halb leblosen Körper. Ich musste das alles von meiner Einfahrt mitansehen, diskutierte derweil mit den Jugendlichen ob das gerechtfertigt ist oder nicht.
Das ist die Art von Justiz die hier herrscht, wenn die Polizei nichts macht.
Es folgten bestimmt hundert Menschen dem Dieb.
Der Mittäter war nicht zuhause und so kam die weiter gewachsene Menge mit dem Dieb in der Mitte wieder. Mittlerweile war ihm ein Reifen umgelegt worden und meine Jungs (die das glücklicherweise auch nicht so toll fanden) zogen mich mit sich "this is too sad to watch it" sagten sie. Nach meiner Nachfrage antworteten sie, dass die Menge den Dieb mit Benzin übergießen wollte um ihn lebendig zu verbrennen. Glücklicherweise hatte die Polizei von der Aktion Wind bekommen und der Menschenmenge folgte die ganze Zeit ein Polizeiauto. Als es dann an die Verbrennung ging, waren auf einmal sehr viele Polizeiautos vor Ort und umkesselten die Menschenmenge. Ein Trupp Polizisten stieß durch die Menge und schnappte sich den Kerl. Der wurde dann in ein Krankenhaus gebracht und hat glücklicherweise überlebt wie ich gehört habe.

Sonntag, 6. Oktober 2013

Fremde Freundlichkeit

Bei bestem Wetter sitze ich an der Train-Station False Bay. Ganz wie gewohnt bin ich zum Ticket Office gegangen, habe eine Fahrkarte erstanden und mich zum warten auf eine Eisenstange gesetzt. Ich habe mich auf eine langweilige Wartezeit eingestellt, wie aus Deutschland gewohnt. Doch kaum habe ich mich hingesetzt fängt der Mann neben mir an zu erzählen. Wo ich denn arbeite, möchte er wissen und wie ich Capetown finde. Immer wieder fragt er, ob das hier sehr anders ist als Deutschland, denn seine weiteste Reise ging nach Johannesburg. Angenehm überrascht fange auch ich an zu erzählen, es entwickelt sich ein wirklich nettes Gespräch. Hätte sich das ganze in Deutschland abgespielt, wäre ich wahrscheinlich nicht auf ein Gespräch eingegangen und ich hätte die Person für merkwürdig erklärt.
Aber das hier ist viel besser, auch wenn man sich vielleicht nie wieder sieht, die Menschen gehen auf einen zu (sicher auch weil man als weißer einfach auffällt) und reden erst einmal mit einem. Ähnlich war das Im Township. Meine Gastfamilie besteht aus Tamzet (dem Vater), Koliswa (der Mutter) und drei Kindern.
Auf dem Bild zu sehen: Tamzet, mein Gastvater in der Mitte Khanya, meine Gastschwester und rechts Koliswa, meine Gastmutter

Allesamt sind sie sehr Hilfsbereit und bringen mir mit viel Freude die Stammessprache Xhosa bei.
Das Haus ist prima, denn es wird häufig neu gestrichen! Als ich ankam sah man die frische weiße Farbe und darunter noch das alte rosa, gerade wird das Haus in braun gestrichen. Es ist zwar nicht groß und auch nicht besonders gut in Schuss, ich fühle mich aber rundum wohl. Kaum ging ich am ersten Tag auf die Straße, stellten sich mir eine Menge Leute vor, mit einigen spielte ich Fußball. So lernte ich Samkelo und den Rest seiner Crew kennen, sie sind allesamt ein wenig jünger als ich und rappen zusammen. Mit Sam habe ich schon vieles Unternommen. Nach der Schule ging es zum Beispiel ins Stadion, wir fuhren in einem Minibus vollgepackt mit Sundowns-Fans (aus Pretoria), bei einer unglaublich lustigen Stimmung. Auch das Fußballspiel war ein Erlebnis, es spielten Ajax Capetown gegen die Sundowns. Mir wurden von den Fans alle möglichen Sundowns-Lieder beigebracht und neben dem Gesang musste ich feststellen: Die Vuvuzela lebt noch!
 Das Fußballspiel. Den Mann links kenne ich nicht, er hat mir aber unermüdlich Sundowns-Lieder beigebracht. In der Mitte ist Samkelo
 Die Godfellaz Rap-Crew aus Khayelitsha und ich!

Gestern hat sich endlich die Gelegenheit zum Joggen gefunden: Ich habe beim Khayelitsha fun-run mitgemacht. Dazu musste ich vorher mit meinem kleinen Gastbruder zur Radiostation von Khayelitsha gehen und mich anmelden. Als Sam von meinem Vorhaben erfuhr, meldete er sich kurzentschlossen ebenfalls an. Also stand ich um sechs Uhr morgens auf, und fand mich um sieben Uhr beim Startpunkt ein. Mir bot sich ein unglaubliches Bild: Menschen denen man ansah dass sie arm waren hatten kaputte Schuhe, eine zerrissene Hose und einen ebenso zerrissenen Pullover. Trotzdem machten sie sich warm für den Lauf, den sie nicht verpassen wollten. Es gab keine Startzeit, als der Mann mit dem Mikrofon sich entschieden hatte dass alle da waren gab er den Startschuss. Es ging durch viele Gebiete von Khayelitsha, und ich konnte nicht anders als mich beim Laufen interessiert umzusehen. Im Ziel wurde nicht gezählt, auch meine Zeit musste ich von der einzigen vorhandenen Stoppuhr ablesen und mir merken ( 9Km / 40min! ). Im Ziel unterhielt ich mich mit Sam, bis ich von einer mir unbekannten Person mitgezerrt wurde. Ich wurde in einen Van beordert und drinnen erfuhr ich: es gibt ein Radiointerview mit mir und zwei anderen Läufern! Als einziger Mlungu (weißer) war ich für die Moderatoren am interessantesten und ich wurde über alles ausgefragt. Ich konnte sogar schon mit einigen Xhosa-Kenntnissen glänzen wie (Molo (Hallo), ewe (Ja), Kunjani (wie geht’s?) und diphelele nam (mir geht’s gut)).
Als ich dann zur Zenzeleni-Schule kam, um bei dem stattfindenden Aktionstag mitzuhelfen, kamen einige Lehrer zu mir: „Jonas, wir haben dich im Radio gehört!“. Nun kennt mich also schon halb Khayelitsha...

Freitag, 6. September 2013

Wirklichkeit

Gut, also der Koffer gepackt und ich selbst schon zur Hälfte in Afrika. Das war Montag, der 02.09. Aber mich hielt noch der Wille, an der Bundestagswahl und an der Volksabstimmung Teilzunehmen. Weil es am Morgen regnete, nahm ich das Auto um zur entsprechenden Wahldienststelle zu gelangen, was sich als Fehler herausstellte. Im unübersichtlichen Berufsverkehr mit auf der Straße parkenden Autos setzte ich unseren Zafira gegen das Heck meines Vorfahrers. Dabei entstand kein großer Schaden, lediglich eine eingedellte Stoßstange, aber ich bekam einen großen Schrecken und nebenbei die Erfahrung meines ersten Unfalls. Ich wurde aus meinen Gedanken an Afrika gerissen. Als ich dann auch noch von meinem Mobilfunkanbieter gesagt bekam, dass ich meinen Vertrag nicht für ein Jahr aussetzen könne, nahm der Tag eine gänzlich komische Wendung und holte mich zurück in die Wirklichkeit.
Meine Familie und Verstärkung von Malte aus der Handballmannschaft brachte mich zum Flughafen, wo ich Glück hatte und mit einem viel zu schweren Handgepäckkoffer Losreisen durfte.
Sehr viele nette Abschieds-sms und Emails, auch kleine Briefe erreichten mich in den letzten Tagen, so dass ich insgeheim schon traurig wurde, für ein Jahr gehen zu müssen. An sich war das Losreisen aber prima, alle wurden noch einmal umarmt und keiner musste weinen. Leider traf ich zwei meiner mit-Freiwilligen erst in Dubai obwohl sie im gleichen Flieger saßen. Mit noch mehr Freiwilligen die aus Frankfurt eintrafen hatten wir Mitten in der Nacht eine nette Runde die auf den Flieger nach Capetown wartete. Alles verlief glatt und am 03.09. um die Mittagsstunde hatte ich Südafrikanischen Boden unter den Füßen! Ein anderes Land, weit weg, das ist jetzt Wirklichkeit für mich. Außerdem hier die Nachricht: ich komme tatsächlich in eine Gastfamilie ins Township, wahrscheinlich zu einer Lehrerfamilie wo ein Elternteil in der Zenzeleni-School arbeitet. Am Montag werde ich dorthin ziehen!
Heute ging es zum Centre for Creative Education, wir bekamen dort eine nette Einführung und trafen die anderen inzwischen auch gelandeten bekannten Freiwilligen. Das ganze machte Spaß, zumal wir danach noch in die Stadt fuhren. Bahn fahren war klasse, die Stadt konnte ich nicht so richtig sehen, weil ein paar schon wieder los wollten. Jetzt sitze ich hier auf meinem Bett und atme wie wild ein und aus, weil ich unbedingt Chakalaka-Soße zu den Nudeln probieren wollte. Mein gesamtes Gesicht ist von feinen Schweißperlen übersät, den Chili-Schoten sei Dank. Ich bin aber trotzdem gespannt auf die kommenden Tage!

Donnerstag, 2. Mai 2013

Ausreise zwei Wochen später

Die Ausreise wurde auf mein Bitten hin verschoben, wofür ich sehr dankbar bin. Ich hätte das Vorbereitungsseminar nicht besuchen können. Mein Dienstbeginn ist jetzt am 04. September, ich werde ein bis zwei Tage früher dort ankommen.
Nebenbei gehen die Planungen weiter, mittlerweile habe ich die Reisezulassung erhalten, genauso wie ein Einladungsschreiben von meiner Dienststelle, um mein Visum zu beantragen.
Parallel verläuft die letzte Schulzeit im Sande, eine angenehme Sache, wenn man sich noch ab und zu mit den Freunden in der Klasse sieht. Eigentlich bin ich nur noch zur bloßen Anwesenheit in der Schule gewesen, ab und zu mal idiotisch angezogen, denn die Mottowoche deckte sich mit den letzten Unterrichtstagen. Es ist eben wirklich vorbei, das Leben neben der Schule gewinnt die Oberhand, und das bedeutet, dass ich meine Termine ganz anders planen kann.
Natürlich fehlt einem der "Motivator" Schule, aber das ist der Grund, weshalb ich mich nun auf Dinge konzentriere, für die ich mich selbst motiviere, wie den Freiwilligendienst. Oder den Halbmarathon, den ich am 18. Mai in Göteborg (Schweden) mitlaufen werde. Ich spekuliere damit, meine Bestzeit zu toppen, vielleicht gelingt es ja! Zumindest im Training sieht es ganz positiv aus: 10 Kilometer/41 Minuten. Ich freue mich auf ein tolles Lauferlebnis beim größten Halbmarathon der Welt! (Fast 70.000 Läufer)
Noch schöner ist nur das Gefühl, schon bald für lange Zeit Südafrika erleben zu können!